ÖSTERREICH JOURNAL NR. 218 / 31. 08. 2026 Österreich, Europa und die Welt 40 Foto: BKA/Christopher Dunker Bundeskanzler Christian Stocker wurde vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit militärischen Ehren in Ankara empfangen. schen, die seit den 1960er-Jahren nach Ös - terreich gekommen sind, haben einen großen Beitrag zu unserem wirtschaftlichen Erfolg geleistet. In Österreich leben rund 300.000 Menschen mit Wurzeln in der Türkei, die eine Brücke bilden und in Österreich einen Beitrag zu Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft leisten. Mir liegt viel an einer guten Integration und einem respektvollen Miteinander“, so Stocker. Hochrangiger Roundtable zu bilateralen Wirtschaftsbeziehungen Mit Blick auf die gemeinsamen Wirtschaftsbeziehungen hielt der Kanzler fest, daß man ein Handelsvolumen von knapp 5 Milliarden Euro verzeichne und mehr als 250 österreichische Unternehmen in der Türkei aktiv seien, die laut Österreichischer Na - tionalbank rund 1,4 Milliarden Euro in der Türkei investieren würden. Auch der Tourismus sei ein wesentlicher Faktor: Im Vorjahr hätten rund 500.000 ÖsterreicherInnen die Türkei besucht, umgekehrt seien etwa 200.000 BürgerInnen aus der Türkei nach Österreich gereist. Bei einem hochrangigen Roundtable ging es daher vor allem um die Vertiefung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Die Tür kei zählt zu den bedeutendsten Exportmärkten Österreichs außerhalb der EU. Schwerpunkte des Roundtables waren die Zusammenarbeit der beiden Länder hinsichtlich der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, insbesondere mit Blick auf die Gü - Foto: BKA/Christopher Dunker Der Bundeskanzler im Gespräch mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan terlogistik sowie Kooperationen im Schienenverkehr. Auch Themen wie der Flugverkehr, Automatisiertes Fahren und Technologietransfers standen auf der Agenda. So soll das seit Jahrzehnten bestehende Luftverkehrsabkommen zwischen Ankara und Wien verlängert und an die aktuelle Situation angepaßt werden. „Trotz geopolitisch sehr herausfordernder Umstände liegt das türkische Wirtschaftswachstum deutlich über dem OECD- Schnitt. Das birgt auch enorme Chancen für unsere heimische Wirtschaft: Experten rechnen mit einem Exportpotenzial für österreichische Unternehmen von rund 1,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030“, so der Bun - deskanzler. »Österreich Journal« - https://kiosk.oesterreichjournal.at 2025 verzeichnete die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 3,5 bis 3,6 Prozent. Man wolle daher die wirtschaftlichen Potentiale in der Partnerschaft der beiden Länder noch besser heben. Als wichtiges Beispiel nann te Stocker den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die Kooperationen im Schienenverkehr, auch über die Grenzen der Türkei hinaus. „Bei einem Business-Roundtable haben heute bereits hochrangige Wirtschaftsvertreter beider Länder weitere Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Dafür ebnen wir als Po - litiker den Weg. Rechtsstaatlichkeit und verläßliche Rahmenbedingungen schaffen dabei einen zusätzlichen Anreiz für Investitionen“, so Stocker.
ÖSTERREICH JOURNAL NR. 218 / 31. 08. 2026 Österreich, Europa und die Welt 41 Türkei geschätzter Partner bei Sicherheit und Migration Weiters auf der Agenda standen die Themenbereiche Sicherheit und Migration. Der Bundeskanzler hob dabei die Türkei als „besonders zentralen und geschätzten Partner“ für Österreich und die EU hervor. „Wir arbeiten bei der Bekämpfung illegaler Mi - gration, organisierter Kriminalität und Menschenhandel sowie Terrorismus eng zusammen - Themen, die für die Sicherheit unserer beiden Länder und der Europäischen Union von zentraler Bedeutung sind“, so Stocker. Man zolle den türkischen Partnern Anerkennung für die große Anzahl, vor allem syrischer Flüchtlinge, die hier seit mehr als einem Jahrzehnt versorgt werden. „Die Türkei ist ein ganz zentraler Partner, um im gemeinsamen Interesse illegale Migration zu verhindern.“ Innenminister Gerhard Karner werde dazu im Herbst nach Ankara reisen, was die Wichtigkeit dieser Zusammenarbeit untermauere, so der Bundeskanzler, der dazu festhielt, daß es zuletzt in Österreich mehr Außerlandesbringungen als neue Asylanträge gegeben habe. Auch bei den Rückführungen von Drittstaatsangehörigen sei Österreich der Türkei für die gute Kooperation sehr dankbar. „Auf diesen Erfolgen dürfen wir uns aber nicht ausruhen, denn auch, wenn sie sich derzeit nicht abzeichnet: Eine neue Mi - grationskrise könnten wir nur gemeinsam verhindern.“ Stocker bekräftigte dabei, daß eines ganz klar sei: „Die europäischen Fehler aus 2015 dürfen und werden sich nicht wie - derholen.“ Türkei als Schlüsselakteur in außenund sicherheitspolitischen Fragen Hinsichtlich der geopolitischen Herausforderungen in der Ukraine und im Nahen Os - ten bezeichnete Österreichs Bundeskanzler die Türkei als einen „entscheidenden Schlüsselakteur in vielen außen- und sicherheitspolitischen Fragen“, dessen Bedeutung als Vermittler bei Konflikten zunehmend größer wer de. „Wir sind uns einig, daß der russische Angriffskrieg in der Ukraine rasch ein Ende finden muß. Wir schätzen die türkischen Ver - mittlungsbemühungen sehr und ich kann da - zu Österreichs volle Unterstützung zusagen.“ Auch, wenn es um die prekäre Situation im Nahen Osten gehe, habe die türkische Stimme Gewicht. Stocker dankte dem türkischen Präsidenten für dessen Mediationsbemühungen. „Wir sind uns einig, daß Diplomatie und Dialog der einzige Weg sind, die Spirale der Gewalt im Nahen und Mittleren Osten zu Foto: BKA/Christopher Dunker Foto: BKA/Christopher Dunker Der Bundeskanzler bei der Kranzniederlegung im Rahmen des Staatszeremoniells beim Nationaldenkmal „Anitkabir“ zu Ehren des Gründers der Republik, Mustafa Kemal Atatürk durchbrechen und zu einer nachhaltigen und langfristigen Lösung zu gelangen“, sagte der Bundeskanzler, der außerdem seine Forderung nach einer dauerhaften Öffnung der Straße von Hormus erneuerte, um die Freiheit der Schifffahrt gemäß dem Völkerrecht zu gewährleisten. „Nicht zuletzt aufgrund der österreichischen Tradition als Ort des Dialogs und wegen unserer bevorstehenden Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat, räumen wir dem Thema Diplomatie und Dialog einen besonderen Platz ein.“ »Österreich Journal« - https://kiosk.oesterreichjournal.at Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit Bei dem gemeinsamen Gespräch seien darüber hinaus auch Fragen der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit angesprochen worden: „Teil eines konstruktiven und pragmatischen Dialogs ist es auch, schwierige Themen offen anzusprechen“, sagte Stocker. „Menschenrechte, Rechts staatlichkeit und Medienfreiheit sind weder für Österreich noch für die EU verhandelbar. Diese Haltung wird niemanden überraschen.“ Genau so klar sei auch Österreichs Positionierung in regionalen Fragen, beginnend im östlichen Mittelmeer - basierend auf den Prinzipien des Völkerrechts. Auch hier liege es in Österreichs strategischem Interesse, den Dialog mit den türkischen Partnern sowohl bilateral als auch auf EU-Ebene zu vertiefen, so der Kanzler, der sich abschliessend beim türkischen Präsidenten für die Gastfreundschaft und den offenen, konstruktiven Dialog bedankte. „Gerade in Zeiten multipler Krisen ist eine enge, pragmatische Partnerschaft zwischen unseren Ländern wichtiger denn je.“ n https://www.parlament.gv.at/ Quelle: Parlamentskorrespondenz Der Bundeskanzler nach einem Arbeitsgespräch mit Numan Kurtulmuş, dem Parlamentspräsidenten der Großen Nationalversammlung der Türkei
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Foto: Univ.-Prof. Johann Günther F
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