ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Wissenschaft 152 der befindet, deutet die Schichtung der im Schrein gefundenen Fragmente darauf hin, daß die Elfenbeinpyxis bereits in der Spätantike zu Bruch gegangen ist und im Altar bestattet wurde. „Die Pyxis wurde vermutlich ebenfalls als heilig gesehen und wurde auch so behandelt, sozusagen als Berührungs - reliquie. Die archäologische und kunsthistorische Bedeutung der Pyxis ist nicht zu be - streiten“, betont Gerald Grabherr. Heiligendarstellung Die Pyxis zeigt an einem Ende eine Figur am Fuß eines Berges – der dargestellte Mann wendet den Blick ab, über ihm ragt eine Hand aus dem Himmel, die etwas zwischen die Arme dieser Person legt. „Das ist die typische Darstellung der Übergabe der Ge - setze an Moses am Berg Sinai, der Beginn des Bundes zwischen Gott und den Menschen aus dem Alten Testament“, sagt der Archäologe. Darauf folgen Darstellungen von biblischen Gestalten. Am Ende sieht man einen Mann auf einem Wagen, vor den zwei Pferde gespannt sind – und auch hier zieht eine aus Wolken kommende Hand diese Figur in den Himmel. „Wir vermuten hier eine Darstellung der Himmelfahrt Christi, die Vollendung des Bundes mit Gott. Typisch für die Spätantike und damit zu unserer Pyxis passend ist die Darstellung von Szenen aus dem Alten Testament und ihre Verbindung mit Szenen aus dem Neuen Te - stament; vor allem die Darstellung der Him - melfahrt Christi mit einer sogenannten Biga, einem Zweigespann, ist aber sehr besonders und bisher nicht bekannt.“ © Universität Innsbruck Detailaufnahme: Moses erhält die Gebote aus der Hand Gottes. Weitere Untersuchungen Derzeit läuft noch eine Reihe weiterer Untersuchungen zum Irschener Reliquienschrein, auch mit naturwissenschaftlichen Methoden: „Zum einen ist noch eine exakte Herkunftsbestimmung des Marmors ausständig, und mittels Stabilisotopie-Untersuchungen wollen wir auch die Herkunft des Elfenbeins bzw. des Elefanten bestimmen. Auch metallische Bestandteile – die Scharniere der Pyxis waren aus Metall gefertigt – werden noch näher bestimmt, genauso der Kleber, der für das Elfenbein verwendet wurde“, erläutert Restauratorin Ulrike Töchterle. Und nicht zuletzt wurden auch Holzteile in der Marmorkiste gefunden, vermutlich Teile des Verschlusses der Pyxis – nicht völlig ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich ist, daß es sich dabei doch noch um eine Reliquie handeln könnte. „Auch diese Holzteile werden noch näher bestimmt, uns interessiert hier vor allem die Holzart und seine Herkunft, auch das Alter ist dabei spannend“, sagt Ulrike Töchterle. Kontext: Höhensiedlung in Irschen Irschen ist eine Gemeinde im Kärntner Drautal, seit 2016 führen ArchäologInnen der Universität Innsbruck dort Grabungen durch. Dabei wird eine seit etwa dem Jahr 610 verlassene und bislang völlig in Vergessenheit ge ratene spätantike Höhensiedlung auf etwa einem Hektar Fläche untersucht. Bislang ha - ben die ForscherInnen dort neben persönli - chen Gegenständen der früheren BewohnerInnen der Siedlung bereits mehrere Wohnhäuser, zwei christliche Kirchen und eine Zi - sterne gefunden und dokumentiert, in einer der Kirchen wurde neben einem sternförmigen Taufbecken auch der Reliquienschrein entdeckt. Gerald Grabherr beschreibt: „Ge - gen Ende des römischen Reichs wurden die Zeiten unsicherer, vor allem in den Randprovinzen des Reichs, also auch dem Gebiet des heutigen Österreichs. Deshalb gründen die BewohnerInnen ab etwa dem 4. Jahrhundert zunehmend Siedlungen auf Hügeln, die sich besser verteidigen lassen, und verlassen den Talboden.“ Eine Zäsur bildet das Jahr 610: In diesem Jahr findet die Schlacht von Aguntum nicht weit der Irschener Siedlung statt, ein slawisches Heer trifft auf bajuwarische Heere und Siedler. Mit dieser Schlacht, die die Slawen für sich entscheiden, endet die Zugehörigkeit der Region zur mediterranen antiken Welt und auch zum Christentum – die slawischen Siedler bringen ihre eigene Götterwelt mit. Seit spätestens diesem Zeitpunkt ist auch die Siedlung auf dem Burgbichl verlassen. n https://www.uibk.ac.at »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at
ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Wissenschaft Mitteleuropa vor 15 Mio. Jahren globaler Biodiversitätshotspot Die Sammlungen der Naturhistorischen Museen sind einzigartige Archive der Evolution. Sie erlauben einen Blick weit in die geologische Vergangenheit. 153 © NHM Wien, Mathias Harzhauser Das Zusammentreffen mehrerer Faktoren war für einen ungewöhnlich starken Anstieg der Biodiversität verantwortlich. Noch vor 18 Millionen Jahren erstreckte sich ein tiefes, west-ost orientiertes Meer von der Schweiz bis weit nach Rußland. Das Meeresleben war in seiner Vielfalt mit der des heutigen Mittelmeeres vergleichbar. Vor etwa 16 Millionen Jahren änderte sich die Landschaft dramatisch. Durch das Herandriften der Afrikanischen Platte wurden die Alpen Zwischen Wien und Bukarest entwickelte sich vor 15 Millionen Jahren ein einzigartiger Hotspot der Artenvielfalt. Zahlreiche Vulkane (rot-gelbe Kreise) prägten die Landschaft. angehoben und das Meer des Alpenvorlandes trocknete aus. Nun begannen sich die Kar paten als In - selbogen aus dem Meer zu heben. Innerhalb dieses Bogens entstanden zahlreiche kleine Insel. Vor 15 Millionen Jah ren hatte sich Zentral- und Osteuropa schließlich in einen etwa 1000 Kilometer breiten, subtropischen Ar - chipel verwandelt, der entfernt an die heutige Karibik erinnert. Diese stark strukturierte »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at Meereslandschaft begünstige die Artenvielfalt. Zusätzlich erreichte das miozäne Klima - optimum zu dieser Zeit seinen Höhepunkt. Aufgrund der globalen Erwärmung weitete sich der europäische Riffgürtel nach Norden aus und reichte nun etwa bis Eisenstadt. Mit den Riffen kamen auch viele spezialisierte Arten, die als Parasiten von und in den Ko - rallen lebten. Die Korallenstöcke boten viele ökologische Nischen und wirkten als Booster der Vielfalt.
Ausg. Nr. 211 • 31. Juli 2024 Das
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