ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Wissenschaft 150 Für HistorikerInnen stellt diese Entdekkung in mehrfacher Hinsicht eine Sensation dar. Das betrifft zunächst den Umstand, daß die Platte in einem so intensiv erforschten Bauwerk wie der Grabeskirche überhaupt so lange verborgen bleiben konnte, zumal sie sich täglich im Blickfeld von Tausenden PilgerInnen und TouristInnen befand. „Daß aus - gerechnet an dieser Stelle etwas so Bedeutendes so lange unerkannt herumliegen konnte, kam für alle Beteiligten völlig unerwartet“, bestätigt ÖAW-Historiker Ilya Berkovich. Nicht minder bedeutend ist, welche neu - en Erkenntnisse der Fund über den mittelalterlichen Hochaltar erlaubt. Denn die außergewöhnlichen Verzierungen führten die Forschenden auf die Fährte des sogenannten Kosmatesk. Diese spezielle Fertigungstechnik von Marmordekorationen beherrschten ausschließlich zünftische Meister im päpstlichen Rom, die diese Kunstfertigkeit von Ge neration zu Generation weitergaben. Die Technik zeichnete sich dadurch aus, daß ihre Meister mit geringen Mengen des kostbaren Marmors, der im mittelalterlichen Rom vornehmlich aus antiken Gebäuden abgekratzt wurde, große Flächen dekorieren konnten – indem sie kleine Marmorsplitter mit größter Präzision so zusammenlegten und an steinerne Unterlagen anbrachten, daß sie geometrische Muster und schillernde Ornamente er - zeugten. © Ilya Berkovich/Amit Re’em Altar untermauerte weltlichen Anspruch der Christenheit Der Wert dieser Kunst war ihren Meistern und auch dem Papst wohl bewußt. So sind nur wenige Kosmatesk-Kunstwerke außerhalb Roms bekannt, und bisher überhaupt nur eines außerhalb von Italien: in der Westminster Abbey, wohin der Papst einen seiner Meister geschickt hatte. Auch der nun in Je - rusalem wiederentdeckte Kosmatesk-Altar muß unter Zutun des Papstes entstanden sein: Indem das kirchliche Oberhaupt einen der Kosmatesk-Meister in das Königreich Jerusalem sandte, um dort den Kreuzritter-Altar fertigen zu lassen, untermauerte er sprichwörtlich den Anspruch der Christenheit auf die Stadt: „Der Papst würdigte damit die heiligste Kirche der Christenheit“, hält Berkovich fest. Der wiederentdeckte Hochaltar ist somit der Beweis einer bisher unbekannten Verbindung zwischen Rom und Jerusalem, die auch für die europäische Kunstgeschichte wichtig ist. „Mit einer ursprünglichen Breite von mehr als 3,5 Metern haben wir hier den größten mittelalterlichen Altar entdeckt, der derzeit bekannt ist“, betont Berkovich. Er hofft, daß weitere Forschungen in den päpstlichen Archiven weitere Details über die Entstehungsgeschichte des Altars ans Tageslicht befördern können – möglicherweise sogar die Identität des Kosmatesk-Meisters, der das Kunstwerk geschaffen hat. n https://www.oeaw.ac.at Bild oben: Vorläufige digitale Rekonstruktion des Kreuzritter-Hochaltars. Design Roy Elbag Bild unten: Die mit Grafittis von TouristInnen „verzierte“ Rückseite der Altarplatte © Israel Antiquities Authority / Foto Amit Re’em »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at
ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Wissenschaft 1.500 Jahre alter Reliquienschrein 151 Vor zwei Jahren haben Innsbrucker ArchäologInnen bei Grabungen in der Kärntner Gemeinde Irschen eine sensationelle Entdeckung gemacht. Nach zwei Jahren der Konservierung sie kann nun wissenschaftlich untersucht werden. © Universität Innsbruck Einzelne Fragmente im Rund angeordnet, um dem Aussehen der Pyxis im Original näher zu kommen. Am 4. August 2022 hat ein ForscherInnenteam um den Archäologen Gerald Grabherr der Universität Innsbruck in einer frühchristlichen Kirche auf dem Burgbichl in der Kärntner Gemeinde Irschen eine spektakuläre Entdeckung gemacht: Im Bereich der Seitenkapelle war unter dem Altar ein etwa 20 mal 30 Zentimeter großer Marmorschrein verborgen. Im Schrein ist eine stark fragmentierte, mit christlichen Motiven reich verzierte „Dose“ (Pyxis) aus Elfenbein enthalten – ein Reliquiar, das normalerweise als „Heiligstes“ mitgenommen wird, wenn eine Kirche aufgegeben wird. In diesem Fall ist es allerdings zurückgeblieben. Es handelt sich dabei um die erste entsprechende Pyxis, die in Österreich in archäologischem Kontext gefunden wurde. „Weltweit wissen wir von circa 40 derartiger Elfenbeindosen, bei Grabungen ist meines Wissens eine solche zu - letzt vor inzwischen rund 100 Jahren gefunden worden – die wenigen Pyxiden, die es gibt, sind entweder in Domschätzen erhalten oder in Museen ausgestellt“, erläutert der Finder Gerald Grabherr. Aufwendige Konservierung In der Zeit seit dem Fund wurde das rund 1.500 Jahre alte, sehr zerbrechliche Reliquiar aus Elfenbein an der Universität Innsbruck konserviert. „Elfenbein, zumal bodengelagertes Elfenbein wie im Marmorschrein, nimmt die Feuchtigkeit der Umgebung auf und ist in diesem Zustand sehr weich und leicht zu beschädigen. Zudem führt unkontrolliertes Austrocknen schlimmstenfalls zu Schrumpfungen und Rissen und damit zu Schäden, die nicht mehr rückgängig ge - macht werden können“, sagt Ulrike Töchterle, Leiterin der Restaurierungswerkstatt in »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at Innsbruck. Sie hat die einzelnen Stücke der Elfenbeinpyxis in den vergangenen beiden Jah ren nun soweit konserviert, daß sie wissenschaftlich untersucht werden können. „Durch die mit 90 Prozent sehr hohe Luftfeuchtigkeit in der Marmorkiste direkt nach der Bergung war die Gefahr von Kondenswasser- und Schimmelbildung sehr hoch, zu schnell durfte der Inhalt auch nicht austrocknen. Das heißt, wir mußten für einen sehr behutsamen und längeren Trocknungsprozeß sorgen.“ Die größeren Teile sind verformt, weshalb die Pyxis nicht mehr in den Originalzustand versetzt werden kann – die ForscherInnen arbeiten allerdings an einer 3D-Rekonstruktion. Waren die ArchäologInnen zu Beginn davon ausgegangen, daß sich auch die Hin - terlassenschaft eines oder einer Heiligen – also eine klassische Reliquie – im Steinqua-
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