ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Personalia 138 würde, erbat Sie sich eine kurze Bedenkzeit. Ich suchte jemanden, so sagte ich ihr, der oder die mit einem umfassenden Wissen und sorgfältigstem Umgang mit unserer Verfassung die Geschicke unserer Republik nach innen und außen lenken kann. Und wer wäre dafür besser geeignet, als sie, die damalige Hüterin dieser, unserer Verfassung? Kurz danach erklärte Brigitte Bierlein öffentlich: „Ich sehe es als meine staatspolitische Verantwortung, in dieser bisher einmaligen Situation in der Geschichte der Zweiten Republik, meinen Teil beizutragen und diese hohe Verantwortung zu übernehmen.“ Dieser Satz, so empfinde ich es, charakterisiert treffend das Berufs-Ethos von Brigitte Bierlein. Sie war eine treue Dienerin der Republik Österreich. Weitsichtig. Interessiert. Und in höchstem Maße kompetent. Und: Sie war eine mutige Frau. Denn es war ja angesichts der aufgeheizten innenpolitischen Situation mit einem gewissen Risiko verbunden, eine Regierung anzuführen, die keine parlamentarische Mehrheit hinter sich hat. Die innenpolitische Situation hat sich nach der Angelobung von Brigitte Bierlein binnen kurzem beruhigt. Das lag ganz sicher auch an ihrem umsichtigen Handeln in dieser sensiblen Zeit. Sie und ihre Regierung waren außerordentlich populär, sie genoß hohes Ansehen in der Bevölkerung Brigitte Bierlein hat unserer Heimat da - mit in einer sehr schwierigen Situation einen sehr großen Dienst erwiesen. Dafür bin ich ihr als Bundespräsident und auch ganz persönlich sehr dankbar. Was sie tat, sie tat es mit Hirn und mit Herz. Mit Sachkenntnis – und Empathie. Mit Stärke – und Gelassenheit. Mit Selbstvertrauen – und Selbstkritik. Dabei hat sie niemals ein Geheimnis daraus gemacht, daß nicht immer alles glatt läuft, und daß man oft eine gehörige Portion Mut braucht, daß es eben nicht immer leicht ist. Brigitte Bierlein war eben keine, die al - les schönredet. Sie wurde einmal gefragt, was man denn aus ihrer Biographie lernen könne. Ihre Antwort: „Chancen zu ergreifen! Nicht nein sagen!“ Welch eine Bedeutung so eine Lebenseinstellung für eine junge Frau oder für ein kleines Mädchen haben muß! Brigitte Bierlein durchlebte eine außergewöhnliche berufliche Laufbahn. Sie war: Foto: Peter Lechner/HBF Foto: Peter Lechner/HBF Trauernde beim Requiem im Stephansdom unter Beteiligung der Spitze des Staates Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Eintrag in das Kondolenzbuch »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at
ÖSTERREICH JOURNAL NR. 211 / 31. 07. 2024 Personalia 139 Foto: Peter Lechner/HBF Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei seiner Rede im Stephansdom erste Generalanwältin in der Generalprokuratur beim Obersten Gerichtshof, erste Vizepräsidentin des VfGH, erste Präsidentin des VfGH, erste Bundeskanzlerin der Republik Österreich. Diese Laufbahn wurzelte in hoher Sachkenntnis, in dem Brigitte Bierlein eigenen Einfühlungsvermögen und schließlich der Fähigkeit, rasch auf neue Situationen zu reagieren. Es gab aber auch ihre andere Seite: Kunstsinnig und kulturinteressiert war Brigitte Bierlein immer schon. Vielleicht wissen das nicht alle: aber die Kunstakademie war eine Option, bevor die Wahl dann auf das Jusstudium fiel. So schloß sich auch ein Kreis: Indem sie ihre persönliche Leidenschaft und Expertise für Kunst und Kultur auch in den Dienst der Republik stellte, nämlich als sie den Aufsichtsratsvorsitz der „Bundestheater-Holding“ annahm. Als ich ihr den höchst möglichen Orden der Republik Verliehen habe, sagte sie: „Ich habe immer betont, daß mein beruflicher Le - bensweg nicht geplant oder vorhersehbar war. Selbstständig und selbstbestimmt leben zu können – das war immer mein Ziel. Und ich war und bin überzeugt, daß das für alle Frau - en eine Selbstverständlichkeit sein sollte.“ Ich hoffe, daß Brigitte Bierlein bewußt war, wie sehr sie andere inspiriert hat. Sie war damit ein Vorbild, das viele Frauen auf ihrem Weg ermutigt hat. Sie wird für viele Frauen und Mädchen, nein, für uns alle, immer ein Vorbild sein. Soweit die Trauerrede des Bundespräsidenten im Wortlaut. Parlamentsspitze tief betroffen Die Mitglieder des Präsidiums des Nationalrats zeigten sich tief betroffen über das Ableben von Brigitte Bierlein und würdigen ihr Engagement für die demokratischen In - stitutionen Österreichs. Die angesehene und über alle Parteigrenzen hinweg geschätzte Juristin, Verfassungsrichterin und erste Bun - deskanzlerin Österreichs, Brigitte Bierlein, ist im 75. Lebensjahr verstorben. Sobotka: Österreich verliert eine beeindruckende Persönlichkeit „Mit dem Tod von Brigitte Bierlein verliert Österreich eine beeindruckende und außergewöhnliche Persönlichkeit“, würdigte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka die verstorbene Altkanzlerin. „Ihr Einsatz für die Rechtsstaatlichkeit und ihre Integrität haben sie zu einer respektierten Persönlichkeit und einem Vorbild für viele Frauen gemacht. Als erste Bundeskanzlerin Österreichs hat sie in herausfordernden Zeiten für Stabilität sowie Vertrauen in die demokratischen Institutionen unseres Landes gesorgt. Sie hat mit dem Parlament stets ausgezeichnet kooperiert und war eine Grande Dame mit großem Verständnis für die politische Zusammenarbeit. Ihr Tod erfüllt mich mit tiefer Trauer und meine Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei ihrer Familie“, so Sobotka. Bures: Höchster Respekt und Anerkennung für Bierleins Rolle in schwierigen Zeiten „Mit Brigitte Bierlein verlieren wir eine der renommiertesten Verfassungsjuristinnen un seres Landes und die bislang einzige weib - liche Bundeskanzlerin der Republik“, hielt Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures in ihrer Würdigung der Verstorbenen fest. „Sie hat sich in einer für Österreich be son - ders schwierigen innenpolitischen Zeit nicht gescheut, Verantwortung für unser Land zu übernehmen. Dafür gebühren ihr über ihren Tod hinaus höchster Respekt und Anerkennung.“ Hofer: Bierleins Leben hat beeindruckende Spuren hinterlassen „Mit tiefem Bedauern habe ich vom Tod der ehemaligen österreichischen Bundes- »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at
Ausg. Nr. 211 • 31. Juli 2024 Das
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