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Ausgabe 201

Magazin mit Berichten von der Politik bis zur Kultur: ab 2022 vier Mal jährlich mit bis zu 165 Seiten Österreich.

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 201 / 20. 12. 2021 Österreich, Europa und die Welt 20 Baumgartner: Erfolg nach langjährigen Forschungen Die auf den Shoah Namensmauern verewigten 64.440 Namen beruhen auf der Opferdatenbank des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Dessen wissenschaftliche Leiter, Gerhard Baumgartner sagte: „Wir gratulieren im Na - men all unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kurt Yakov Tutter und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zum Erfolg sei ner jahrzehntelangen Bemühungen um die Er - richtung einer Shoah Namensmauern Ge - denkstätte. Es erfüllt uns mit Stolz, daß es uns durch unsere langjährigen Forschungen gelungen ist, die genauen Namen und Daten von über 64.440 österreichischen Opfern der Shoah zu dokumentieren und so zum Gelingen dieses großen Erinnerungsprojektes beizutragen.“ IKG-Präsident Oskar Deutsch Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, eröffnete sei ne Rede mit der Erinnerung, daß die Shoah nicht vom Himmel gefallen sei. Was in der systematischen Vernichtung in Mauthausen, in Auschwitz und in Maly Trostinec mündete, habe in Wien, in Graz, in Salzburg mit An - tisemitismus begonnen, Vor 83 Jahren sei eine eine neue Dimension erreicht worden: „Während der November-Pogrome wurden allein in Wien 88 Menschen schwer verletzt und 27 Menschen ermordet. Ermordet, weil sie Juden waren. Es war der Vorabend der Shoah. Was hat dieses Land, unser Land Ös - terreich getan, während mehr als 130.000 Jüdinnen und Juden vertrieben wurden? Als mehr als 64.000 Jüdinnen und Juden aus Österreich getötet wurden, als sich so viele an dem europaweiten Massenmord beteiligten?“, so Deutsch. Selbst nach der Shoah habe Österreich die Überlebenden nicht willkommen geheissen und es habe kaum Worte des Bedauerns gegeben und dabei sei es jahrzehntelang ge - blieben. „Die Mörder und Brandstifter vom 9. November 1938 standen nie vor Gericht“, hob Deutsch hervor, „auch nicht nach 1945. Die Lebenslüge war so viel bequemer. Österreich sei erstes Opfer gewesen, das hörten unsere Großeltern und Eltern nahezu täglich.“ Viele ÖsterreicherInnen seien Opfer na - tionalsozialistischer Verfolgung gewesen – Roma und Sinti, poltisch An dersdenkende, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und natürlich auch Jüdinnen und Juden. Sie alle seien ÖsterreicherInnen gewesen, viele überzeugte Patrioten, Zigtausende hätten im Foto: BKA / Andy Wenzel Foto: BKA / Andy Wenzel Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) Ersten Weltkrieg für dieses Land, für ihr Heimatland gekämpft. Das Ar gument, daß Österreich formal ab 1938 nicht existierte und Teil des Deutschen Reichs gewesen sei, lenke davon ab, was wirklich ge schehen sei. „Es waren so unfaßbar viele Österreicherinnen und Österreicher, die ihre Nachbarinnen und Nachbarn der Mordmaschinerie ausgeliefert hatten. Und es waren so unfaßbar vie - le, die das Verbrechen selbst begangen hatten, die ihr Mitmenschen europaweit töteten. Und es waren noch mehr Österreicherinnen und Österreicher, die sich nach 1945 gegen Aufklärung, gegen Erinnerung und gegen je - der Verantwortung stellten“, so der IKG-Präsident weiter. Es habe bis in die 1990er-Jahre gedauert, bis Bundeskanzler Franz Vranitzky begonnen habe, mit dem Opfermythos aufzuräumen. Er habe da mit nicht nur Aufrichtigkeit bewiesen, sondern den Mut aufgebracht, »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at unangenehme Wahrheiten an- und auszuspre - chen. „Diese Gedenkstätte ist ein Meilenstein nicht nur für die jüdische Gemeinde in Ös - terreich und die Nachfahren der Getöteten in aller Welt. Die Shoah-Namensmauer hat das Potential, unsere gesamte Gesellschaft, alle Menschen, die in Österreich leben, zu erreichen, denn die Shoah hat mit uns allen zu tun“, stellte Deutsch fest. „Der KZ-Überlebende Primo Levy faßte die Signifikanz des Gedenkens eindrücklich zusammen: ,Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.‘ Diese Gedenkstätte dient der Zukunft, unseren Kindern und nachfolgenden Generationen. Sie gibt ausgelöschten Existenzen ihren Namen zurück.“ Im Stadttempel in der Syna goge in der Seitenstettengasse habe die Kultusgemeinde vor 20 Jahren gemeinsam mit dem Dokumen - tationsarchiv des östereichischen Wider-

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 201 / 20. 12. 2021 Österreich, Europa und die Welt 21 stands eine Gedenkstätte mit den Namen der 64.000 Todesopfer eingerichtet. Das sei der Wunsch der Hinterbliebenen gewesen. „Diese Namensmauer im Ostarrichi-Park ist keine jüdische Angelegenheit, sondern eine der ge - samten Republik. Österreich zeigt damit, daß es sich auf dem Pfad der Aufrichtigkeit be - findet. Allen voran aber werden mit dieser Shoah-Namensmauer die Opfer aus der Ano - nymität geholt. Jedes Kind, jede Frau, jeder Mann hatten Familie und Freunde, sie waren Menschen wie Sie und ich. Würden wir jetzt für alle unsere österreichischen Shoah-Opfer eine Gedenkminute einlegen, würde bis Jahresende absolute Stille herrschen“, so Deutsch. Wer hierher komme, könne vielleicht die Dimension des größten Menschheitsverbrechens ein wenig besser be greifen, weil die Shoah nichts Abstraktes sei, sondern weil hier die echten Namen echter Menschen verewigt wären. „Daß diese Gedenkstätte Wirklichkeit wurde, ist einem Mann zu verdanken, den Ös terreich einst ver trieben hat: Kurt Tutter. Mehr als 20 Jahre kämpfte er von Kanada aus um die Errichtung dieser Namensmauer. Für seine Un be irrbarkeit und seinen Mut der Sache wegen, die sowohl ein persönliches Anliegen, als auch ein gesellschaftliches ist, zolle ich Kurt Respekt. Ganz Österreich ist ihm zu großem Dank verpflichtet.“ In den vergangenen Tagen sei er, Deutsch, immer wieder gefragt worden, ob diese Ge - denkstätte nur Symbolpolitik sei. „Lassen Sie mich ganz offen spre chen: Als im Jahr 2018 eine Bundesregierung unter Beteiligung einer Partei, die keinen Hehl aus ihren Sympathien für den Na tionalsozialismus machte, grünes Licht für diese Shoah-Namensmauer gab, war auch ich skeptisch. Mir wäre lieber gewesen, daß Ös terreich nicht von deutsch - nationalen Burschenschaften mitregiert worden wäre. Aber es war der zweite Teil der Koalition, vor al lem der Bundeskanzler, der sich unmißverständlich und sich in aller Welt zu Österreichs Verantwortung bekannt hat. Ich danke der ak tuellen Bundesregierung so - wie der Stadt Wien und den Bundesländern für die Realisierung dieser Gedenkstätte. Die Namensmauer würde nur Symbolpolitik bleiben, wenn sich die Republik nur darauf beschränken würde.“ Aber mittlerweile werde Nachkommen von Shoah-Überlebenden aus Ös terreich in aller Welt die Staatsbürgerschaft angeboten und die Politik setze konkrete Maß nahmen ge gen Antisemitismus und zur Absicherung jüdischen Lebens. „Auch die Frage der Verantwortung ist geklärt“, erklärte Deutsch. Foto: BKA / Andy Wenzel Foto: BKA / Andy Wenzel Hanna Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus „Menschen, die lange nach 1945 geboren sind, tragen natürlich keine Verantwortung für die Verbrechen, die weite Teile der gesam - ten österreichischen Gesellschaft in der Shoah begangen haben. Aber jeder und jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, die Ge - schichte zu kennen und dazu beizutragen, daß es nie wieder dazu kommt. Trotzdem, zuletzt erleben wir einen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Es reicht also nicht, daß die Politik Maßnahmen beschließt, und weite Teile der Zivilgesellschaft Antisemitismus und Rassismus verurteilt.“ Österreich habe noch viel – und vor allem tägliche Ar beit vor sich, die Gedenkstätte könne dazu beitragen. „Zum Schluß möchte ich auf einen Aspekt hinweisen, der für die Überlebenden und die Hinterbliebenen be - sonders wichtig ist: Die allermeisten Menschen, die hier verewigt sind, haben nicht einmal ein Grab. Viele wurden verscharrt Ein Blick auf die Veranstaltungsteilnehmer der Eröffungsfeierlichkeit »Österreich Journal« – https://kiosk.oesterreichjournal.at oder verbrannt. Für die Angehörigen und Nachfahren ist diese Namensmauer daher auch ein sehr persönlicher Ort des Gedenkens, der Erinnerung. Diese Form des Ge - denkens sollte allen Menschen ermöglicht werden, deren Großeltern oder Eltern im Na - tionalsozialismus aufgrund ihrer Anschauung oder Herkunft verfolgt oder getötet wurden“, schloß der IKG-Präsident seine Rede. Lessing: Steinerne Stelen machen die geraubten Leben begreifbar Die Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, Hannah Lessing, hielt fest: „Die Shoah Namensmauern Gedenkstätte gibt den Opfern einen Platz im kollektiven Gedächtnis. Sie ist eine Einladung, an die Fa milien der Opfer und an alle Menschen in Österreich: Kommt und gedenkt. Erinnert Euch an ihre Schicksale und ehrt ihr Leben.

Wir danken dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, dem Land Oberösterreich und PaN – Partner aller Nationen für die aktive Unterstützung unserer Arbeit für Österreich.