ÖSTERREICH JOURNAL NR. 199 / 22. 06. 2021 Innenpolitik 76 Gemeinsame Sondersitzung der Präsidialkonferenzen von Nationalrat und Bundesrat 76 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen gibt es immer we - niger Zeitzeugen, die authentisches Wissen aufgrund eigener unendlich schmerzlicher Erlebnisse über die Gräueltaten des Nationalsozialismus an die nächsten Generationen weitergeben können. Daher stand der diesjährige Gedenktag im Zeichen neuer Wege der Gedenk- und Erinnerungskultur. Beispielgebend dafür sind die beiden Projekte „Gegen das Vergessen“, eine einzigartige Freiluftinstallation von Luigi Toscano mit überlebensgroßen Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung (die Bilder waren auch in Wien an der Ringstraße zu sehen), und „Likrat“, ein europaweites Dialogprojekt zwischen jüdischen und nicht jüdischen Jugendlichen mit dem Ziel, Antisemitismus nachhaltig zu bekämpfen. Über diese Initiativen und die Möglichkeiten, wie Erinnerung nachhaltig erlebbar gemacht werden kann, sprachen die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Barbara Glück und die Zeithistorikerin Linda Erker mit Luigi Toscano und Eidel Malowicki. Dabei herrschte Konsens darüber, daß man nicht bei der Ritualisierung stehen bleiben darf und daß es darauf ankommt, beim Erinnern auch die Diskussion zum Heute-Bezug miteinzuschließen. Man müsse viele kleine Projekte unterstützen, die Dezentralisierung sei in diesem Bereich ein wesentlicher Faktor, so der Tenor. Der Gedenktag, den das Parlament seit 1998 jährlich am 5. Mai begeht, fand aufgrund der Corona-Pandemie zum zweiten Mal nicht im Rahmen einer öffentlich zu - gänglichen Veranstaltung, sondern in Form einer gemeinsamen Sondersitzung der Präsidialkonferenzen von Nationalrat und Bundes - rat statt. Buchmann: Wir müssen die Verantwortung für die Zukunft wahrnehmen Erinnern allein werde Verbrechen an ethnischen, religiösen und anderen Minderheiten nicht verhindern können, unterstrich Bun desratspräsident Christian Buchmann, man müsse auch die Verantwortung für die Zu kunft wahrnehmen. Buchmann ging daher in diesem Zu - sammenhang auch auf die aktuelle Situation der Corona-Krise ein, in der Ausgrenzung und Haß, verstärkt durch soziale Medien, vermehrt spürbar und erlebbar seien. Zug um Zug schlage dabei Zorn in Haß und Haß Foto: Parlamentsdirektion / Thomas Topf Worte zum Gedenken durch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka in Gewalt um. Die Verbrechen von Mauthausen seien kein singuläres Ereignis gewesen, sagte der Bundesratspräsident, sondern der schreckliche Tiefpunkt eines langen Prozesses der Ausgrenzung, Ächtung und Verfolgung – eines Prozesses des Wegsehens und des Zusehens ohne wesentlichen Widerstand. Buchmann zog dabei einen Bo gen zu heutiger Verantwortung, sich nachhaltig und vehement für Menschenrechte und Demokratie einzusetzen, und rief zur Zivilcourage auf, gegen das Vergessen immer wieder und erneut Zeichen zu setzen. Denn es mache sich jeder und jede des Billigens, Leugnens oder Verharmlosens zumindest mitschuldig, der tatenlos zusehe, wie zu Ge walt oder Haß gegen Menschen aufgerufen oder angestachelt wird, wie MitbürgerInnen beschimpft, verächtlich gemacht oder herabgewürdigt werden. Sobotka: Die Reflexion mit dem Hier und Jetzt fordert uns zu jeder Zeit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka appellierte ebenfalls eindringlich an die Verantwortlichkeit für das Heute. „Die Reflexion der Gegenwart, die Beschäftigung mit unserer Existenz und unserer Verantwortung, mit dem Hier und Jetzt, und nicht nur mit dem, was geschehen ist, fordert uns zu jeder Zeit“, sagte er und äußerte seine Sorge darüber, daß ein gesamtgesellschaftliches En - gagement gegen antisemitische Haltungen, wo das Strafrecht noch nicht greift, fehle. Daher habe das Parlament auch den Simon- Wiesenthal-Preis ins Leben gerufen, der heuer erstmals vergeben werde und zivilgesellschaftliches Engagement vor den Vorhang hole. »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at Man lebe heute in einer Wendezeit, in der das Wissen um Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an jene, die diese Verbrechen erleiden mußten, in ein tradiertes Wissen der nachfolgenden Generationen überzugehen drohe. Mit dem Aussterben der Erinnerung werde nicht nur die Di - stanz größer, sie verändere auch ihre Qualität. Für ihn sei es daher ein kategorischer Imperativ, die Jahre des Nationalsozialismus und der monströsen Verbrechen nicht der Hi - storisierung anheimfallen zu lassen. Es müs se vielmehr gelingen, die existenzielle Betroffenheit gegenüber dieser historischen Singularität, die Erfahrungen mit ihren emotionalen Hintergründen weiterzugeben. Was da - mals geschehen sei, müsse heute, wie auch in Zukunft im Bewusstsein der Menschen und insbesondere der politisch Handelnden präsent sein und präsent bleiben, so Sobotka. Der Nationalpräsident erinnerte in diesem Zusammenhang an die Antisemitismusstudie 2020, die Mut machen dürfe, denn sie zeige, daß Bildung wirkt, sagte Sobotka un - ter Hinweis darauf, daß gut gebildete Menschen deutlich weniger rassistisch und antisemitisch eingestellt sind. Daher habe auch die Demokratiewerkstatt des Parlaments ein Bildungsangebot unter dem Titel „Bildung gegen Vorurteile“ entwickelt. Auschwitz und Mauthausen seien nicht auf ein singuläres Er eignis zu reduzieren, betonte Sobotka im Hinblick auf die Bedeutung der Bildung. Es gebe viele kleine Anfangspunkte, bis Worte zu Taten werden. Der Antisemitismus kom - me bieder aus unserer Gesellschaft, erst dann werde er an den Rändern sichtbar und dann komme noch ein importierter Antisemitis - mus nach Europa, unterstrich der National-
ÖSTERREICH JOURNAL NR. 199 / 22. 06. 2021 Innenpolitik 77 Foto: Parlamentsdirektion / Thomas Topf Blick auf die TeilnehmerInnen der gemeinsamen Sondersitzung der Präsidialkonferenzen des Nationalrates und des Bundesrates ratspräsident die Notwendigkeit, die Erinnerung lebendig zu erhalten und die eigene Verantwortung von heute zu ergründen. Gedenken soll auch Orientierung für die Gegenwart geben Die ZeitzeugInnen werden uns auch im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen fehlen, waren sich die DiskutantInnen Barbara Glück, Linda Erker, Eidel Malowicki und Luigi Toscano einig und meinten, Biografien seien ein Schlüsselelement in der Geschichtsvermittlung. In diesem Zusammenhang wurde aber auch die Notwendigkeit angesprochen, den Fokus in der Gedenkarbeit künftig verstärkt auch auf die Verantwortung der TäterInnen zu lenken. So betonte die Historikerin Erker, die Frage nach dem „Wer“ werde immer zentraler werden. „Wer sind die Verantwortlichen und was kann ich mir davon mit ins Heute nehmen?“, so Erker. Daß es wichtig ist, zu untersuchen, in welchen Situationen Menschen damals waren, unterstrich auch Glück: „Viele befanden sich in Ohnmachtssituationen, viele aber auch in Situationen, in denen sie Handlungsoptionen hatten.“ Entscheidend für eine nachhaltige Ge - denkarbeit sei auch das Engagement der Zi - vilbevölkerung, so Glück: „An vielen Orten ehemaliger Außenlager in Österreich, engagiert sich die Zivilgesellschaft, so entstehen zahlreiche neue Gedenkstätten.“ Engagement der Zivilgesellschaft hat etwa auch Luigi Toscano in Wien erlebt, nachdem seine Fotoausstellung, die vor zwei Jahren prominent auf der Wiener Ringstraße gezeigt wurde, wie derholt zerstört wurde: „Bilder wurden zerschnitten, auf eines wurde sogar ein Hakenkreuz gemalt.“ Daß dies ausgerechnet in Wien an dieser Stelle in dieser Häufigkeit und Brutalität passierte, habe ihn zutiefst er - schrocken. „Letztendlich ist die Zivilgesellschaft aber durch diese Vorfälle aufgestanden. Viele haben sich beteiligt, teilweise ha - ben junge muslimische Frauen angefangen die Bilder zu reparieren und zu beschützen. Daraus ist etwa Tolles entstanden.“ Daß jede Generation ihre eigenen Formate finden und auf ihre eigene Art und Weise ihre Lehren aus der Geschichte ziehen muß, darüber waren sich die DiskutantInnen einig. Motivation und gute Ansätze seien bereits vorhanden, benötigt würden aber neue Formen des Gedenkens und spannende Transfer - formate, meinte Toscano. Erker wünscht sich für die künftige Gedenkarbeit außerdem, daß diese nicht bei einer Ritualisierung stehenbleibe. Sie forderte Diskussionen, etwa über Kriegerdenkmäler, auf allen Ebenen ein und wünschte sich in dieser Beziehung eine De - zentralisierung. Diskussionen und Reibungspunkte seien weiterhin wichtig für eine dy - namische Gedenkkultur, vor allem aber auch, die Diskussion mit einem Heute-Bezug anzuregen. Das Gedenken allein liefere nur eine unzureichende Orientierung für die Ge - genwart. Mit Sorge sprachen alle vier Teilneh - merInnen den Anstieg von antisemitischen Angriffen seit Pandemiebeginn an. Der Zu - sammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Antisemitismus käme daher, weil Menschen es sich gerne leicht machten, so Erker. Man suche einen Sündenbock, was aber zeitgeschichtlich kein neues Phänomen sei. Antisemitismus sei gesellschaftlich und historisch tief verankert. Einen wesentlichen Faktor stelle daher die Bildung dar, denn nur ein gut informierter Mensch sei kein Antisemit mehr, so das Resümee. Die Projekte »Gegen das Vergessen« und »Likrat« „Gegen das Vergessen“ ist eine einzigartige Freiluftinstallation mit überlebensgroßen Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung. Der Fotograf Luigi Toscano hatte die Ehre, alle Porträtierten persönlich zu treffen und zu fotografieren. Mehr als 400 solcher Begegnungen gab es bisher. Die Gesichter und Geschichten des Projekts haben bereits Menschen auf der ganzen Welt bewegt. Einer ersten Präsentation in Mannheim folgten Ausstellungen in Europa und in den USA, darunter im UNO-Hauptquartier in New York. „Gegen das Vergessen“ war zum Internationalen Holocaustgedenktag 2020 zu Gast bei der UNO in Genf, ein Jahr später bei der UNESCO in Paris. Anfang dieses Jahres wurde Luigi Toscano für sein Engagement als erster Fotograf zum UNESCO Artist for Peace berufen. „Likrat“ ist ein europaweites Dialogprojekt zwischen jüdischen und nicht jüdischen Jugendlichen mit dem Ziel, Antisemitismus nachhaltig zu bekämpfen. Der Titel des Projekts „Likrat“ ist hebräisch und bedeutet aufeinander zugehen. In diesem Sinne besuchen jüdische Jugendliche seit 2015 in Wien und mittlerweile auch in mehreren anderen Bun - desländern Schulklassen oder Jugendzentren. Die Jugendlichen haben eine spezifische Ausbildung und ihr Ziel ist es, in der Begegnung in der Klasse dem Judentum ein Ge - sicht zu verleihen und auch einen Raum zu schaffen, in dem unbefangen Fragen gestellt werden können. „Likrat“ dient damit dem Ab bau von Vorurteilen, reduziert Antisemitis - mus, stärkt den Dialog und fördert so ein besseres Miteinander der österreichischen Gesellschaft in der Zukunft. „Likrat“ Österreich ist ein Projekt der Is - raelitischen Kultusgemeinde Wien und wur - de 2021 mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog und Verständigung ausgezeichnet. n https://www.parlament.gv.at/ https://www.ikg-wien.at/ Quelle: Parlamentskorrespondenz »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at
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Foto: Parlamentsdirektion / Johanne
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Foto: © Österreichische Nationalb
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