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Ausgabe 183

Das "Österreich Journal" zum Durchblättern - die gewohnten vier verschiedenen pdf-Varianten zum Download finden Sie hier: http://www.oesterreichjournal.at/Ausgaben/index_183.htm

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Wissenschaft & Technik Wertvolle Handschrift aus dem 6. Jahrhundert 94 Österreichische Nationalbibliothek schließt Forschungsprojekt erfolgreich ab. Foto: Österreichische Nationalbibliothek Ein Blick auf die minutiösen Konservierungsmaßnahmen der Österreichischen Nationalbibliothek bei der „Wiener Genesis“ Die Österreichische Nationalbibliothek konnte im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes wichtige Fragen zur Er haltung der berühmten „Wiener Genesis“ klären und für eine nachhaltige Konservierung sorgen. Die reich illustrierte Handschrift aus dem 6. Jahrhundert weist durch chemische Reaktionen der verwendeten Tinte schwe re Schäden im Pergament auf. Das in - ternationale Projekt mit insgesamt acht Projektpartnern wurde vom hauseigenen Institut für Restaurierung geleitet, finanziert wurde es vom Wissenschaftsfonds FWF. Die »Wiener Genesis« Die „Wiener Genesis“ ist eine fragmentarisch erhaltene griechische Handschrift des Buches „Genesis“ aus dem Alten Testament. Die vorhandenen 24 Pergamentblätter werden auf das 6. Jahrhundert datiert und sind vermutlich im Nahen Osten entstanden. Be - rühmt ist das wertvolle Unikat für seine 48 Miniaturen: Der biblische Buchmalereizyklus ist der reichste aus der Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter. Der Text der Genesis wurde in Silbertinte auf purpurgefärbtem Pergament geschrieben. Die Korrosion dieser Silbertinte hat im Lauf der Jahrhunderte zu schweren Schäden am Pergament geführt. Einen Eindruck von der Qualität und dem Zustand des Werkes vor der Restaurierung gewinnt man durch das Digitalisat, das unter diesem Link im Online-Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek abrufbar ist. Im Rahmen des wissenschaftlichen Projekts „Die Wiener Genesis (Cod. Theol. Gr. 31): Materialanalyse und Konservierung einer spätantiken illuminierten Handschrift auf Purpurpergament“ wurden das Pergament, die Silbertinten, die Pigmente und Farb stoffe nun intensiv untersucht. Der Herstellungsprozeß von Pergament in der Antike sowie die Purpurfärbung wurden dabei re - konstruiert. Die Zusammensetzung der Silbertinten gab Aufschluß über die genauen Schadensursachen. Durch die erstmalige Iden - tifizierung der Pigmente war es möglich, die Malerpaletten von sieben Künstlern zu un - ter scheiden. Nachhaltige Konservierung Auf Basis all dieser Erkenntnisse wurde die Handschrift umfassend konserviert und »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at ein neues, schonenderes Aufbewahrungssystem in versenkten, säurefreien Passepartouts entwickelt: Diese ersetzen die Acrylglaspatten, zwischen denen das Werk seit 1975 aufbewahrt wurde. Alle konservatorischen Maß - nahmen und die Lagerung unter kontrolliertem Klima tragen zur langfristigen Erhaltung der „Wiener Genesis“ bei, die ein hervorragendes Zeugnis spätantiker Buchkunst darstellt. Das internationale Forschungsprojekt wurde vom Institut für Restaurierung der Ös - terreichischen Nationalbibliothek im April 2016 begonnen und vor kurzem abgeschlossen. Finanziert wurde es vom Wissenschaftsfonds FWF. Projektpartner waren das Kunsthistorische Museum, die Technische Universität und die Universität für angewandte Kunst in Wien, das Walters Art Museum in Baltimore/USA, die New University of Lisbon in Portugal, die Università degli Studi del Piemont Orientale in Alessandria/Italien, The Royal Library in Kopenhagen/Dänemark und die University of York in Großbritannien. n https://www.onb.ac.at/

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Wissenschaft & Technik Neues Gen mit möglicher Rolle bei Metastasierung identifiziert Weisen Tumore eine bestimmte Kombination von Zuckern – das sogenannte T-Antigen – auf, breiten sie sich mit größerer Wahrscheinlichkeit im Körper aus und töten den Patienten. Was jedoch das Auftreten von T-Antigen in Krebszellen reguliert, welche Proteine mit T-Antigen modifiziert werden und welche Rollen das T-Antigen und die damit modifizierten Proteine während der Bil - dung von Metastasen spielen, ist noch unbekannt. Eine neue Studie der Forschungsgrup - pe um Daria Siekhaus am Institute of Science and Technology Austria (IST Austria), mit den Erstautorinnen Katarína Valošková und Julia Bibl, identifizierte ein neues Gen in der Fruchtfliege Drosophila, das benötigt wird, um das Anfügen von T-Antigen an eine Subgruppe von Proteinen in Immunzellen zu re - gulieren. Ist das Gen mutiert, bleiben die Im - munzellen im Kopf der Fliege stecken. Da - her benannte das Team das neue Gen nach der römischen Göttin der Weisheit, Minerva, die dem Kopf ihres Vaters Jupiter entsprang. Die heute im Fachjournal eLife erscheinende Studie ist ein erster Schritt um zu verstehen, wie Zuckermodifizierungen bei der Metastasenbildung involviert sein könnten. Wenn Krebszellen metastasieren, verlassen sie den ursprünglichen Ort des Tumors und drängen zwischen anderen Zellen hindurch in die Blutbahn, die sie quasi als „Autobahnen“ durch den Körper nutzen. Um die Blutbahn zu verlassen, zwängen sich die metastasierenden Zellen wiederum zwischen Zellen hindurch in das Gewebe, wo sie Me - tastasen bilden. T-Antigen, eine Kombination bestimmter Zuckermoleküle, ist auf den Proteinen metastasierender menschlicher Krebszellen zu finden. In den meisten anderen adulten Geweben ist es dagegen normalerweise nicht vorhanden. Immunzellen der Fruchtfliege, sogenannte Makrophagen, tragen auch T-Antigene und zwängen sich ebenfalls zwischen Zellen hindurch, um in Gewebe einzudringen. Daher beschlossen Daria Siekhaus und ihre Gruppe, die Fruchtfliege und ihre Immunzellen als Modell zu verwenden, anhand dessen sie untersuchten, wie das Auftreten von T-Antigen auf Proteinen reguliert wird und welche Proteine da - von betroffen sind. „Die Fruchtfliege ist der ideale Organismus, um neue Wirkungspfade © Daria Siekhaus Minerva (grün) reguliert, wie T-antigen (gelb) an Immunzellen (rosa) von Fruchtfliegen angefügt wird. zu finden, denn komplexe genetische Experimente können mit Fliegen schnell durchgeführt werden. Hier nutzen wir wieder die Flie - ge als Quelle für Entdeckungen bei einer Fragestellung, die auch uns Menschen be - trifft“, erklärt Daria Siekhaus. Zunächst suchte das Team all jene Gene, die möglicherweise involviert sein konnten. „Wir sahen uns die Gendatenbanken für Flie - gen an, um ein Gen zu finden, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort aktiv ist: Ein Gen, das dann in Makrophagen aktiv ist, wenn das T-Antigen angefügt wird, und das im Golgi- Apparat aktiv ist, in dem Zucker wie das T- Antigen an Proteine angefügt werden, bevor sie zur Zelloberfläche transportiert werden.“ Als die Gruppe einen solchen Gen-Kandidaten gefunden hatte, der bis dahin nur unter dem Platzhalter „CG8602“ bekannt war, te - steten sie seine Rolle beim Anfügen des T- Antigens. Die Forscherinnen fanden, daß die Makrophagen weniger T-Antigen tragen, wenn CG8602 mutiert ist. Außerdem verlassen die Makrophagen in diesem Fall nicht die Kopfregion des Fliegenembryos, um in ande - re Gewebe vorzudringen, wie sie es sonst tun würden. Gemäß der Tradition der Fruchtfliegen-Forschung, der zufolge Gennamen, die bei einer Mutation beobachteten Veränderungen beschreiben, nannte die Gruppe das Gen „Minerva“, nach der römischen Göttin der Weisheit. Antiken römischen My then zu - folge verwandelte sich Minervas schwangere Mutter in eine Fliege, welche von Minervas Vater Jupiter verschluckt wur de. Nach ihrer Geburt war Minerva ur sprünglich in Ju piters Kopf gefangen, bevor sie in voller Kriegsmontur aus ihm hervorbrach. »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at 95 Die ForscherInnen untersuchten, an welche Proteine Minerva das T-Antigen anfügt. Durch die Zusammenarbeit mit Sergey Vakhrushev und Henrik Clausen von der Uni - versität Kopenhagen hatten die ForscherInnen Zugang zu einer Massenspektrometrie- Technik, mit der sie herausfinden konnten, welche Proteine die T-Antigen Zucker tragen, wenn Minerva vorhanden ist, und weniger T-Antigen tragen, wenn Minerva mutiert ist. Sie fanden so einen Satz Proteine, die Minerva benötigen, um T-Antigen zu tragen. Die Mehrheit der identifizierten Proteine, die auch ein Pendant in Wirbeltieren – ein sogenanntes Ortholog – haben, spielen bei Krebs eine Rolle. „Neun der Proteine, die wir fanden, haben im Menschen ein Ortholog. Sechs davon stehen auf irgendeine Art und Weise mit Krebs in Verbindung. Das ist faszinierend!“, erklärt Siekhaus. Die WissenschaftlerInnen brachten das Wirbeltier-Ortholog von Minerva, MFSD1, in Fliegen ein, die Minerva nicht mehr hatten. Dabei sahen sie, daß die sonst steckengebliebenen Makrophagen den Kopf verliessen und sie wieder einen höheren Spiegel des T-Antigens aufwiesen. Das weist auf eine spannende Möglichkeit hin, hebt Siekhaus hervor: „Das könnte bedeuten, daß die Funktion von Minerva in Wirbeltieren beibehalten wird. Das Ortholog von Minerva in Wirbeltieren, MFSD1, könnte eine Rolle bei der Regulierung von Zuckern und bei der Metastasenbildung spielen. Wir sehen uns jetzt Wirbeltier-Krebsmodelle an, um zu sehen, ob und wie MFSD1 die Migration und Invasion von Krebszellen reguliert.“ n https://ist.ac.at/

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Arik Brauer