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Ausgabe 183

Das "Österreich Journal" zum Durchblättern - die gewohnten vier verschiedenen pdf-Varianten zum Download finden Sie hier: http://www.oesterreichjournal.at/Ausgaben/index_183.htm

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Innenpolitik 58 gehören für Krisper die Abwertung des politischen Engagements von Frauen. Frauen in der Politik würden schneller mit dem Vorwurf der „Kritiksucht“ konfrontiert als Männer, das könne sie aus eigener Erfahrung be - stätigen. Ihre eigene Partei habe daher vieles unternommen, um Frauen gezielt zu fördern, und der Erfolg sei, daß ihre Fraktion zur Hälf - te aus weiblichen Abgeordneten bestehe. Die Teilnahme von Frauen an der Politik müßte gezielt gefördert werden, forderte Krisper Aus ihrer Sicht wäre sehr vieles gewonnen, wenn politisch tätigen Frauen nicht mehr abwertend begegnet wird. Zudem müßten Frauen lernen, einander zu unterstützen und zu stärken. Cox: Frauen müssen einander Mut machen Sie sei mit Herzklopfen das erste Mal ans Rednerpult des Parlaments getreten, sagte JETZT-Frauensprecherin Stephanie Cox. Auch beim aktuellen Anlaß schlage ihr Herz schneller. Sie interpretiere dieses Herzklopfen jedoch als den Applaus ihres Herzens für die vielen mutigen Frauen, die durch ihren Einsatz und Kampf ermöglicht haben, daß Frauen heute ganz selbstverständlich Abgeordnete sein können. Die ersten weiblichen Abgeordneten des Hohen Hauses hätten vie le neue Themen in seine Debatten eingebracht und damit den politischen Diskurs erweitert. Cox sprach ebenfalls die Unterrepräsentanz von Frauen im Parlament an. Die höchsten politischen Ämter seien für Frauen bisher nur theoretisch erreichbar, merkte Cox an. Sie hoffe, daß es bald genauso viele weibliche wie männliche Abgeordnete, Staatsoberhäupter und Regierungschefs geben werde. Dazu brauche es aber mehr Frauen, die be - reit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es immer noch Männer gebe, die das irritiere. Das Parlament habe hier eine Vorbildwirkung. Frauen müßten lernen, Allianzen zu bilden und einander gegenseitige Un - terstützung zu geben und Mut zu machen. Sie wolle aus ihrer eigenen Erfahrung heraus junge Frauen ermutigen, gleichberechtigt am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sagte Cox. Stainer-Hämmerle: Die Gläserne Decke ist in vielen Fällen immer noch sehr dick. Alle Fotos: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner Stephanie Krisper (NEOS) Stephanie Cox (JETZT) Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle Politikwissenschaftlerin Kathrin Stai ner- Hämmerle betonte, die Emanzipation von Frauen könne nur gelingen, wenn auch Männer sich emanzipieren. Wenn Männer die Er - wartungen, die an sie gestellt werden, etwa Fa milienernährer zu sein, ebenfalls als diskriminierend begreifen und sich von ihnen trennen wollen. Seit dem 4. März 1919, als die ersten acht Frauen in das Parlament Einzug hielten, habe sich einiges verändert, hielt Stainer-Hämmerle fest. Von einer Gleichstel - lung der Geschlechter sei man in Österreich aber nach wie vor weit entfernt. „Die Gläserne Decke ist in vielen Fällen immer noch sehr dick.“ Diskriminierungen von Frauen seien heute subtiler als damals, erklärte Stainer-Hämmerle in ihrer Keynote. Rechtlich sei die Gleichstellung, für die jahrzehntelang gekämpft wurde, inzwischen zwar erreicht, im „realen Leben“ sehe es aber anders aus. Das zeige unter anderem die geringe Zahl von weiblichen Vorständen in börsennotierten Unternehmen und von Bürgermeisterinnen in Österreich. Auch seien hierzulande die Lohnverluste von Frauen zehn Jahre nach der Geburt eines Kindes laut einer internationalen Studie mit 51 Prozent deutlich hö - her als in den allermeisten anderen Ländern. Und gut dotierte Jobs im Bereich der öffentlichen Hand würden zwar aufgeteilt, so die Politikwissenschaftlerin, „aber nach Partei und nicht nach Geschlecht“. Kritisch sieht die Expertin auch die hohe Teilzeitbeschäftigung von Frauen. Daß Männer nach wie vor häufiger be - zahlter Arbeit nachgehen als Frauen, die weitaus öfter unbezahlte Arbeit, also etwa Kindererziehung, Haushalt und Pflege, übernehmen, führt Stainer-Hämmerle nicht zu - letzt auf diskriminierende Rollenbilder zu - rück, die nach wie vor tief verwurzelt seien. Es werde noch ein langer und zäher Kampf, bis sich diese Bilder in den Köpfen verändert haben, glaubt sie. Allerdings sieht sie auch positive Entwicklungen, etwa was das Be - kenntnis von Vizekanzler Heinz-Christian Strache zum Papamonat betrifft. Gleichstellung in allen Lebensbereichen müsse jedenfalls das erklärte Ziel bleiben, bekräftigte Stainer-Hämmerle, auch wenn es verschiedene politische Konzepte zur Erreichung dieses Ziels gibt. Im Sinne internationaler Solidarität, sprach sie sich außerdem dafür aus, Verfolgung aufgrund des Ge - schlechts als Flucht- und Asylgrund in die Genfer Flüchtlingskonvention aufzunehmen. Geflüchtete Frauen aus dem arabischen Raum würden trotz ihres Mutes kaum Unterstützung in der Öffentlichkeit finden, bedauerte sie. Kitzmüller: Frauen sind nicht mehr aus Politik in Österreich wegzudenken Die Schlußworte zur Veranstaltung blieben der zweiten Frau im Präsidium des Na - »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 tio nalrats, Dritter Nationalratspräsidentin An neliese Kitzmüller, vorbehalten. Sie hob hervor, daß vor 100 Jahren wichtige Weichen sowohl für Frauen als auch für Männer gestellt wurden. Frauen hätten endlich Rechte erhalten, auch wenn, was das Erreichte be - trifft, nach wie vor „Platz nach oben ist“. Seit die ersten weiblichen Mandatarinnen 1919 in das Parlament einzogen, seien Frauen jedenfalls nicht mehr aus der österreichischen Politik wegzudenken, betonte Kitzmüller. Die Nationalrätinnen, Bundesrätinnen und Gemeinderätinnen seien wesentliche Stüt zen der Gesellschaft und auch Vorbild für junge Mädchen und Frauen. Es sei wichtig, Mädchen zu stärken und ihnen Mut zu machen, ihre Meinung kundzutun und ihren Weg zu gehen, wofür immer sie sich auch entscheiden. Kitzmüller beklagte, daß Frauen oft kritischer gegenüber Frauen sind als gegenüber Männern, hier brauche es ein Um denken. Es gelte, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und gemeinsam für die Frauen einzutreten. Die ersten acht Reden der ersten weiblichen Mandatarinnen Dem im Jahr 1918 mit der Republik ausgerufenen Frauenwahlrecht ging ein langer und harter Kampf um politische Mitbestimmung und Teilhabe voraus. „Acht Frauen, sieben Sozialdemokratinnen und eine Christlich-Soziale, zogen fast auf den Tag genau – am 4. März 1919 – als erste weibliche Abgeordnete in das österreichische Parlament ein“, sagte Zweite NR-Präsidentin Doris Bures am 8. März am Vorabend des Weltfrauentages, knapp 100 Jahre nachdem die ersten acht Frauen ins Parlament eingezogen sind. „Sie und viele Weggefährtinnen Foto: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner Innenpolitik Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller (FPÖ) haben den Kampf um ihre demokratischen Rechte schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen. Ihnen verdanken wir das allgemeine, freie, gleiche, geheime, persönliche und unmittelbare Wahlrecht – für Frauen und Männer. Die Reden zeigen uns das zarte Pflänzchen der Demokratie, das seine Wurzeln in der noch so jungen Ersten Republik geschlagen hat.“ Ebendiese Reden dieser Pionierinnen wurden von den Schauspielerinnen Elisabeth Orth, Dorothee Hartinger, Petra Morze sowie Alexandra Henkel im Parlament verlesen. Bures: „Wenn eine dieser acht Frauen vor 100 Jahren im historischen Sitzungssaal ans Rednerpult kam, dann blickte sie in einen Saal mit 151 Männern, und nur sieben Frauen. Wenn heute eine Abgeordnete hier an die - 59 ses Pult kommt, dann sitzen ihr immer noch 115 Kollegen gegenüber, aber doch schon 67 Kolleginnen. Aber noch immer nicht die Hälfte. Heute sind Frauen vor dem Gesetz gleichberechtigt und vor Diskriminierung ge - schützt. Doch die Lebensrealität von Frauen ist eine andere. Und es ist unser Auftrag, das zu ändern. Wir müssen vehement für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben eintreten. Wir müssen soziale und wirtschaftliche Benachteiligungen beseitigen. Frauen vor Altersarmut bewahren und vor Gewalt in den eigenen vier Wänden schützen.“ Szenisch und mit Verve vermittelten die Schauspielerinnen die einzelnen Debattenbei - träge der damaligen Zeit. Zwischenrufe, Er - mahnungen des Präsidenten zur Countenance und auch die starken und engagierten An - sprachen waren Teil der Lesung. Die Schauspielerinnen ermöglichten mit ihrer Lesung der Reden der Abgeordneten einen Rück - blick in die damalige Zeit. Autorin und Journalistin Sibylle Hamann begrüßte die Gäste und führte mit ihrer Moderation durch den Abend. Die ersten Worte der Abgeordneten Hildegard Burjan, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch erinnerten 100 Jahre nach ihren ersten Debatten in der Konstituierenden Na - tionalversammlung noch einmal an die da - malige politische Lage der jungen Republik sowie an die Themen, denen sich die Abgeordneten als Erstes gewidmet hatten. Verlesen wurden sie in der Reihenfolge, in der sich die damaligen Abgeordneten erstmals zu Wort gemeldet hatten (zwischen 1919 und 1920). Foto: Parlamentsdirektion / Johannes v.l.: Petra Morzé, Elisabeth Orth, Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures, Moderatorin Sibylle Hamann, Alexandra Henkel und Dorothee Hartinger »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

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