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Ausgabe 183

Das "Österreich Journal" zum Durchblättern - die gewohnten vier verschiedenen pdf-Varianten zum Download finden Sie hier: http://www.oesterreichjournal.at/Ausgaben/index_183.htm

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Johanna Dohnal nach einer Steigerung des Frauenanteils in den gesetzgebenden Körperschaften und meinte, ein Drittel Frauen im Nationalrat sei wenig. Aktuell ist für Bures auch die Frauenquote, wobei sie Maria Fekter zitierte, die nach 27 Jahren Politik zu dem Schluss gekommen war: „Es funktioniert nicht ohne Quote.“ Es sei Auftrag und Vermächtnis der acht Pionierinnen, als Frauen hartnäckig zu bleiben und täglich aufs Neue Frauenrechte zu erkämpfen und zu verteidigen und für ein selbstbestimmtes, unabhängiges und diskriminierungsfreies Leben einzutreten, schloß Bures. Foto: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner Innenpolitik Zweite Nationalratspräsidentin Dores Bures (SPÖ) bei der Eröffnung der Veranstaltung 56 Foto: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner Keynote durch Barbara Stelzl-Marx Stelzl-Marx erinnert an den Kampf der ersten acht Mandatarinnen für die Rechte der Ärmsten Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, richtete ihren Blick auf die historische Entwicklung des Frauenwahlrechts und stellte fest, die Ereignisse von 1919 seien kei - ne Stunde Null gewesen. Nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts 1907 nur für Männer – dem Höhepunkt des Ausschlusses der Frauen von der Politik, wie sie sagte – kam es bereits in den Jahren 1911 und 1913 zu machtvollen De - monstrationen für gleiche Rechte, in denen Frauen das Wahlrecht forderten. Im Ersten Weltkrieg vereinigten die Frauen ihre Kräfte im Kampf für den Frieden, bevor mit dem Kriegsende und der Gründung der Republik die Voraussetzungen für das Frauenwahlrecht geschaffen waren. Am 12. November 1918 – noch vor der Abdankung Kaiser Karls – führte die Provisorische Nationalversammlung das aktive und passive Wahlrecht für die Frauen ein, sodaß sich Frauen nun erstmals politisch be - tätigen durften. Frauen waren, so Stelzl-Marx, ein unberechenbarer Faktor in der Politik, ihr Wahlverhalten war schwer einschätzbar. Jede Partei glaubte, daß die neue Wahlmasse dem politischen Gegner zum Sieg verhelfen würde. So gab es auch ab 1920 verschiedenfarbige Wahlkuverts, um das Wahlverhalten der Frauen zu erfassen. Am 4. März 1919 zogen sieben Sozialdemokratinnen und eine Christlich-Soziale ins Parlament ein. Alle acht Frauen der ersten Stunde waren bereits seit Langem politisch aktiv. Sie vertraten Themen, die zuvor vernachlässigt worden waren, so etwa Sozialpolitik, Familienpolitik und Bildungspolitik. Stelzl-Marx erinnerte an Adelheid Popp, die nur drei Jahre Schulbildung hatte und als er - ste Frau ans Rednerpult des Parlaments trat, wo sie zum Gesetz über die Abschaffung des Adels Stellung nahm und gleiche Rechte für alle einforderte. Oder an Anna Boschek, die als erste Frau einen Gesetzesantrag einbrachte – ein Hausgehilfinnengesetz. Auch Amalie Seidel, Maria Tusch, Emmy Freundlich und Therese Schlesinger setzten sich für soziale Themen, für Frauenbildung und Ar - beitnehmerinnenschutz ein. Gabriele Proft wiederum wurde sowohl im Ständestaat als auch während der NS-Diktatur inhaftiert. Hil - degard Burjan schließlich, die einzige christlich-soziale Abgeordnete unter den acht Pionierinnen, hatte einen Universitätsabschluß und kämpfte für Mutterschutz und gegen Kin - derarbeit. Sie wurde 2011 vom Papst seliggesprochen. Die acht ersten Frauen im Parlament setzten sich insgesamt gegen Not und für die Rechte der Ärmsten ein, ihr Engagement ist bis heute von großer Aktualität, hob Stelzl- Marx hervor. Bestandsaufnahme von 100 Jahren Frauenpolitik Die Würdigung der Pionierinnen der ös - terreichischen Frauenpolitik und Aufrufe zum verstärkten politischen Engagement von Frauen standen im Mittelpunkt der Reden der Frauensprecherinnen der Fraktionen im Rahmen der Festveranstaltung des Nationalrats. »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Innenpolitik 57 Jeitler-Cincelli: Feminismus ist Empowerment zu einem selbstbestimmten Leben In Vertretung von ÖVP-Frauensprecherin Barbara Krenn, die aufgrund einer Erkrankung kurzfristig absagen mußte, sprach ÖVP- Abgeordnete Carmen Jeitler-Cincelli über die Ziele, welche die Frauenbewegung heute hat. Mit Blick auf die ersten acht weiblichen Abgeordneten zum Nationalrat, die vor ge - nau 100 Jahren erstmals an einer Nationalratssitzung teilnahmen, rief Jeitler-Cincelli dazu auf, das Gemeinsame vor das ideologisch Trennende zu stellen. So wie die Pionierinnen unter den Abgeordneten vor 100 Jahren den gemeinsamen Auftrag fühlten, der jungen Republik Stabilität zu geben, so gelte es auch heute, den Menschen in Österreich Mut zu machen. Die Abgeordnete er - innerte auch an die Männer, die damals die politischen Karrieren von Frauen gefördert hätten. Nach 100 Jahren seien es glücklicherweise weit mehr Männer, die dazu bereit seien. Frauen und Männer könnten heute ge - meinsam eine positive Sicht des Feminismus entwickeln, meinte Jeitler-Cincelli, die auf die von Emma Watson ins Leben gerufene weltweite Solidaritätskampagne „HeforShe“ verwies. Sie verstehe Feminismus als Empowerment, sagte die Abgeordnete, die Möglichkeit, daß Frauen und Männer gemeinsam das sein können, was sie möchten. Heinisch-Hosek: Selbstbestimmung erschöpft sich nicht in Selbstoptimierung SPÖ-Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek stellte das Selbstbestimmungsrecht von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Re de. Sie bezog sich dabei auf die sechste Forderung des aktuellen Frauenvolksbegehrens, „Vielfalt leben“. Heinisch-Hosek er in - nerte an den Betrag von drei bereits verstorbenen Frauenministerinnen der Zweiten Re - publik, die sich stets für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen eingesetzt hätten: Jo - hanna Dohnal, Barbara Prammer und Sabine Oberhauser. Das Recht von Frauen, über ihren eigenen Körper zu verfügen, werde immer mehr ein Zwang zur Selbstoptimierung, merkte Heinisch-Hosek kritisch an. Denen, die sich ihr unterwerfen, würden Versprechen gemacht, die von der Lebensrealität nicht eingelöst werden könnten, sagte die SPÖ- Frauensprecherin. Sie zitierte das Buch „Meat Market“ (Fleischmarkt) der britischen Feministin Laurie Penny, das sich mit den Stereotypen auseinandersetzt, mittels derer Kontrolle über Frauenkörper ausgeübt wird. Zugespitzt besage die These von Penny, daß das gegenwärtige Wirtschaftssystem zusam - Alle Fotos: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner Carmen Jeitler-Cincelli (ÖVP) Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) Carmen Schimanek (FPÖ) menbrechen würde, wenn alle Frauen aufhörten, sich dem Diktat der Modeindustrie, Schönheitsindustrie, Fitnessindustrie und an - derer Industriezweige zu unterwerfen, erläuterte Heinisch-Hosek. Gegen diese Optimierungszwänge gelte es, das Recht einzufordern, Vielfalt tatsächlich leben zu können. Schimanek: Durchsetzung des Frauenwahlrechts – eine lange, noch nicht abgeschlossene Geschichte FPÖ-Frauensprecherin Carmen Schima - nek warf einen Blick auf die Geschichte des Frauenwahlrechts. Die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht gehe auf die Zeit der Aufklärung zurück, die in der französischen Revolution kulminierte. In Österreich sei die Forderung erst mit dem Revolutionsjahr 1848 angekommen, an ein Wahlrecht auch für Frauen war noch lange nicht zu denken. Es habe des engagierten und mutigen Einsatzes vieler Frauen bedurft, wie etwa der britischen Suffragetten, um das Wahlrecht für alle zu erkämpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam man an den Frauen nicht mehr vorbei. Österreich war damit eines der ersten Länder Europas mit einem allgemeinen Wahl - recht auch für Frauen. Andere Länder zogen erst sehr spät nach, und noch heute gebe es Staaten, die das Wahlrecht für Frauen be - schränken. „Demokratie ist ein wertvolles Gut, das gepflegt und verteidigt werden muß“, betonte Schimanek. Sie sei daher besorgt dar über, daß sich Tendenzen zu einem Rück - gang der Wahlbeteiligung bemerkbar ma - chen. Das betreffe nicht nur das aktive, sondern auch das passive Wahlrecht, für die Parteien werde es zunehmend schwieriger, ge - eignete KandidatInnen zu finden. Schima - nek schloß sich dem Ruf ihrer Vorrednerinnen an, gemeinsam für die Weiterentwick - lung der politischen Teilhabe von Frauen zu arbeiten. Krisper: Frauen in der Politik brauchen Unterstützung und müssen einander unterstützen Stephanie Krisper von den NEOS stellte am Anfang ihrer Rede fest, daß das aktive Wahlrecht in Österreich für Männer und Frauen zwar vollständig umgesetzt sei, daß es aber noch immer Defizite gebe, wenn es um das passive Wahlrecht gehe. Nur rund 37 Prozent der Abgeordneten seien weiblich, ob wohl der Frauenanteil in der Bevölkerung bei 51 Prozent liege. Krisper vermutete da - hinter alte Mechanismen des Machterhalts in den Händen von Männern, die nicht so leicht aufzubrechen seien. Zu diesen Mechanismen »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

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Arik Brauer