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Ausgabe 183

Das "Österreich Journal" zum Durchblättern - die gewohnten vier verschiedenen pdf-Varianten zum Download finden Sie hier: http://www.oesterreichjournal.at/Ausgaben/index_183.htm

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Kultur Erdruckt und erstochen Die Druckgrafik von Günter Brus – Ausstellung im BRUSEUM Graz von 29. März bis 30. Juni 2019 Erdruckt und erstochen“ heißt die erste umfassende Ausstellung zum druckgrafischen Werk von Günter Brus, zu der auch eine Publikation gleichen Titels erscheint. Bei - de offerieren mit Arbeiten aus fünf Jahrzehnten einen retrospektiven Blick und zeigen nicht nur die Entwicklung des Künstlers vom Aktionisten zum Bild-Dichter über die Spiegelung in der Druckgrafik. Sie verdeutlichen auch, daß druckgrafische Techniken Brus durch sein gesamtes künstlerisches Werden begleiteten. 108 Günter Brus als »Kupfermörder« Das Gewalttätige, das der Titel impliziert, liegt einerseits in der Technik selbst und an - dererseits im aktionsartigen Arbeitsprozeß begründet, den er sich bewahrt hat. Gerade seine Kaltnadelradierungen spiegeln die körperliche Anstrengung und den enormen Kraftaufwand wider, der ihrer Entstehung zugrunde liegt. Brus hat die Metallplatten mit Stahlnadeln, Taschenmessern, Scheren, Draht - bürsten, Bohrern und einem Elektrofräser be - arbeitet, ja richtiggehend attackiert. Er spricht von sich selbst als „Kupfermörder“. Diese aktionistische Verletzung der Oberfläche, das rastlose Arbeiten bis zur Erschöpfung, die Intensität der gestischen Handschrift zeigen sich nicht nur paradigmatisch in den Blättern, sondern auch in den dazugehörigen Druckplatten, die das erste Mal zu sehen sind. Brus arbeitet ohne Skizzen oder Vorzeichnungen direkt in die Platte und knüpft damit an die „direkte Kunst“ seit den frühen Aktionen an. Auch wenn er mitunter auf Bilder der Kunstgeschichte referiert oder an eigenen Werken Maß nimmt, ist die einzige grundlegende Zeichnung, die existiert, jene, die in die Metallplatten geritzt, gekratzt und gestochen wird. © BRUSEUM/Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum / Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackne Günter Brus, „Die Wölfe schluchzen“, 1982, Kaltnadel auf Kupfer, Blatt: 65 x 53,8 cm Erste Vervielfältigungen: Matrizendrucke der 1960er-Jahre Die Ausstellung beginnt mit den ersten Matrizendrucken, die Brus 1966 im Rahmen des von ihm und Muehl gegründeten Instituts für direkte Kunst anfertigt. Der große Vor teil dieses auch Spiritusdruck genannten Verfahrens besteht darin, daß damit ein Schriftstück oder eine Zeichnung ohne An - wendung einer Druckerpresse, sondern nur durch eine abfärbende Vorlage vervielfältigt werden kann. Die Matrize erlaubt ihm zwar nur eine Auflage von maximal 40 Stück, da die Farbsättigung mit jedem Abzug ab - nimmt, aber er erreicht mit seiner Kunst das erste Mal eine Öffentlichkeit jenseits des kleinen Zirkels an Eingeweihten. Für das Di - rect Art Festival, das am 9. November 1967 im Porrhaus stattfindet, entwirft er 15 verschiedene Motiv für die Ankündigung, die er mit dem Vermerk „Brus-Design“ durchnummeriert. Die Vorlagen reflektieren das kulturelle Repräsentationsregime jener Zeit und stammen aus diversen Zeitungen und Zeitschriften. Von einigen Abzügen haben sich in der Sammlung des legendären italienischen Editeurs und Kunstsammlers Francesco Conz sogar die Originalmatrizen erhalten. Dadurch kommen wir in den glücklichen Um stand, daß wir von einem Matrizendruck »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 183 / 01. 04. 2019 Kultur 109 wissen, von dem sich offenbar kein Abzug erhalten hat und der eine Aktion für die Ga - lerie nächst St. Stephan skizziert. Im selben Jahr, in dem er beginnt, Matrizendrucke zu produzieren und damit eine Öffentlichkeit für seine Aktionen mitzudenken, verändert sich auch die Ausrichtung seiner Aktionen. Im Herbst 1967 entwickelt er das Konzept der Körperanalyse, bei dem er auf jedes künstlerische Material verzichtet und ausschließlich mit seinem Körper und des sen Funktionen arbeitet. Mit seinen Ak - tionen „Der Staatsbürger Günter Brus“ be - trachtet seinen Körper und Kunst und Revolution zeigt er nicht nur zum ersten Mal sei - ne Körperanalysen in Österreich, sondern fertigt parallel dazu für die Plakate auch seine ersten Siebdrucke an. Die Reaktion des Establishments läßt bekannterweise nicht lange auf sich warten. Es kommt zu einer me - dialen Hetzkampagne und Brus wird wegen einer Kunstaktion zu sechs Monaten „strengem Arrest“ verurteilt. Während Brus gegen das Urteil in Berufung geht, fertigt er „zur Erinnerung an den 7. Juni 1968“ das Patent Urinoir an und kurz darauf das Patent Mer - de. Die Hefte sind im Matrizendruck produziert und mit einem siebgedruckten Um - schlag versehen. Brus publiziert darin eigene Schriften, Texte von Freunden, Zeitungsartikel, Straferkenntnisse und Drohbriefe, aber auch Zeichnungen, für die er auf ältere Ak - tionsskizzen zurückgreift. auch regelmäßig auf wenige Stücke limitierte Sonderausgaben, die ein bis zwei Originale enthalten und sich durch eine besondere Gestaltung abheben. An dem Titelblatt der Ausgabe Nummer 9 von „Die Schastrommel“ läßt sich der Druckprozeß exemplarisch nachvollziehen. Zehn Zeichnungen auf Pergamin konturieren die verschiedenen Farbfelder für den Drucker, der dann in ebenso vielen Schritten neun verschiedene Farben schichtweise übereinander druckt. In der Zusammenarbeit mit Armin Hundertmark kulminiert die Auseinandersetzung mit Fragen nach Unikat und Serie, Original und Edition, Singularität und Wiederholung. Die „Schachteln“ aus der Edition Hundertmark zeichnen sich durch eine Art Siebdruck-Cover auf dem Kartondeckel aus, deren Inhalt jedoch meist vier bis fünf Originalzeichnungen bilden. Eine große Ausnahme bildet die Schachtel „Gedankenrast“, bei der sich Brus 1977 das erste Mal an einer Edition versucht, die ausschließlich aus Sieb - drucken besteht. In der Ausstellung sind die originalen Vorzeichnungen in einen Dialog mit den finalen Drucken gesetzt. Tiefdruckverfahren und Schwarze Romantik 1971 entsteht seine erste Kaltnadelradierung und kurz darauf die Serie Die Botschaft, deren Blätter in Inhalt, Stil und Stoßrichtung den Irrwisch-Zeichnungen verwandt sind und von einer „recht spitzbübischen Freude an der Blasphemie“ gekennzeichnet sind. Die intensive Beschäftigung mit den unterschiedlichen Techniken des Tiefdruckverfahren setzt allerdings erst mit Die Schastrommel als Plattform zeitgenössischer Kunst Brus flieht im April 1969 mit seiner Fa - milie in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Strafverfolgung durch die österreichischen Behörden nach Westdeutschland. In Berlin gründet er mit Otmar Bauer, Hermann Nitsch, Gerhard Rühm und Oswald Wiener die „Ös- terreichische Exilregierung“ und gibt deren Publikationsorgan Die Schastrommel heraus. Die Künstler sind natürlich sämtlich Kaiser und der Ton ist dementsprechend kämpferisch, doch aus der provokanten Ge ste als Reaktion auf die erfahrenen Repressionen durch Staat und Gesellschaft wird eine Plattform für zeitgenössische Kunst und eine we - sentliche Publikationsmöglichkeit für avantgardistische Künstler abseits des Kunstmarkts. Der Umschlag ist meist ein mehrfarbiger Siebdruck auf Karton, den Brus’ Freund und Mitarbeiter Frank Dolch besorgt, und auch die Zwischenblätter, die die unterschiedlichen Künstlerbeiträge in der Zeitschrift trennen, sind in Siebdruck ausgeführt. Ab der vierten Ausgabe erscheinen zudem © Privatsammlung, Foto: Universalmuseum Joanneum / N. Lackner Günter Brus, „Das Leben, eine Druckmaschine“, 2002, Kaltnadel auf Kupfer, Blatt: 75,6 x 53 cm »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at

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Arik Brauer