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Ausgabe 189

Das "Österreich Journal" zum Durchblättern - die gewohnten vier verschiedenen pdf-Varianten zum Download finden Sie hier: http://www.oesterreichjournal.at

ÖSTERREICH JOURNAL NR.

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 189 / 31. 10. 2019 Partner aller Nationen-PaN 100 Jahre »Wiener Kinder« Die Österreichisch-Dänische Gesellschaft-PaN gedachte einer großartigen humanitären Hilfsaktion vom 16. September 1919. Es begann am 16. September 1919 als ein Zug mit mehr als 500 ausgehungerten und kranken Wiener Kindern vom damaligen Nordbahnhof das Freisignal in Rich tung Dänemark erhielt. Damit begann die großartige humanitäre Hilfsaktion, die in der Folge mehr als 25.000 Kindern wieder Hoffnung auf ein lebenswertes Leben machte. 42 Die ganze Geschichte Ein Bruder des Rechtsanwalts Sigurd Ja - cobsen arbeitete in den Jahren 1918/19 als Arzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Die kranken und ausgehungerten Kinder, die er hier zu behandeln hatte, lagen ihm sehr am Herzen. Dies ging so weit, daß er sich eines Tages nicht mehr zu helfen wußte und an seinen Bruder nach Dänemark mit Nachdruck einen verzweifelten Hilferuf richtete in etwa mit dem Wortlaut: „Wir brauchen hier dringend Hilfe – und dies sofort!“ Sigurd Jacobsen, der eine Rechtsanwaltskanzlei in Dänemark führte, handelte rasch und sehr effizient: Er schloß seine Kanzlei, holte sich eine Lehrerin zur Mitarbeit und be - gann sein Werk. Vorerst mobilisierten sie dä - nische Familien, die bereit waren, Kinder aus dem Nachkriegs-Wien für einige Zeit aufzunehmen. Nachdem dies geschafft war, wurden noch Sponsoren aufgetrieben, die bereit waren, die Kohle zu kaufen, damit der Zug überhaupt von Wien nach Dänemark fahren konnte. Ja, und dann war es endlich soweit, alles war am Platz und der große Augenblick rückte immer näher. Am 16. September 1919 kam dann zum ersten Mal das grüne Ab - fahrtssignal für einen Zug mit mehr als 500 kranken und ausgehungerten Kindern vom Wiener Franz Josefs Bahnhof nach Dänemark. Damit war der Beginn einer großartigen humanitären Aktion geschehen. In der Fol ge gab es monatlich Züge mit Kindern nach Dänemark. Ein Beispiel nur: Elisabeth Keutmann fuhr am 8. März 1920 als achtjähriges Mädchen auch mit so einem Transport mit. Ihre ersten Worte in Dänemark waren: „In drei Monate soll ich wieder nach Hause“. Das En de dieser Geschichte ist, daß Elisabeth Keutmann in Kopenhagen zur Schule ging, eine Lehre machte, heiratete und immer in der Wohnung lebte, in die sie 1920 als Mädchen Foto: ÖNB / Blaha / Inventarnummer 560/35 Symbolhaft: Eines der Tausenden Kinder auf einem Wiener Bahnhof, die dank großartiger humanitärer Hilfe – wie der aus Dänemark – wieder neue Hoffnung schöpfen konnten… zum ersten Mal zu dänischen Pflegeeltern gekommen war – und wo sie am 10. Juli 2010 im 98. Lebensjahr verstarb. Sie war über 35 Jahre Präsidentin des Wiener Clubs in Kopenhagen, der mit ihrem Tod endete. Die »Wiener Kinder« bewegten das ganze Land Das Schicksal dieser „Wiener Kinder“ be - wegte ganz Dänemark. In einem Buch über Sigurd Jacobsen in dänischer Sprache, mit dem Titel „ Wiener Kinder auf Landflucht“, »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at wird beschrieben, wie Kinder Briefe an das Aktionsbüro und sogar an den dänischen Kö - nig geschrieben haben, damit sie länger in Dä nemark bleiben dürfen. Ein achtjähriger Bub namens Franzi schrieb: „Bitte lieber Herr König, darf ich länger in Dänemark bleiben?“ Denn es war ursprünglich vorgesehen, daß die „Wiener Kinder“ nur für drei Monate bleiben dürfen. Doch viele Schicksale in Wien (Vater im Krieg gefallen, oder in Gefangenschaft, weitere Geschwister, keine Arbeit usw.), machte

ÖSTERREICH JOURNAL NR. 189 / 31. 10. 2019 Partner aller Nationen-PaN 43 eine Rückkehr nach Wien beinahe unmöglich. Kinder zurück ins Elend zu schicken, das konnten die herzensguten dänischen El - tern nicht zulassen. Dies ging soweit, daß Pressekampagnen in Dänemark gestartet wurden, um die Kinder länger als ursprünglich vorgesehen in Dänemark belassen zu dürfen. Schlußendlich kam die „Aktion Wiener Kinder“ ins dänische Parlament. Dort wurde dann beschlossen, daß bezüglich der Aufenthaltsgenehmigung der „Wiener Kinder“ in - dividuell entschieden werden darf. Dies hat - te zur Folge, daß es heute sehr viele Misch - ehen zwischen DänInnen und ÖsterreicherInnen gibt, die zum Teil in Dänemark und zum Teil in Österreich gelebt werden. Die Aktion „Wiener Kinder“ wurde auch nach dem zweiten Weltkrieg wieder aktiviert und auch diese Kinder wurden mit derselben Liebe und Herzlichkeit von den dänischen Familien aufgenommen und zum Teil auch integriert. Es waren insgesamt an die 40.000 Kinder nach den beiden Kriegen, die in Dänemark wieder lachen lernten, keinen Hunger leiden mußten und den Glauben ans Leben wieder gefunden hatten. Diese „Wiener Kinder“ sind zum Großteil heute noch in großer Dankbarkeit mit Dänemark verbunden und denken an diese Zeit mit Freude und Demut zurück. Ein Denkmal mit der Büste Sigurd Jacobsen steht in einer großen Siedlung der Stadt Wien unweit des Matzleinsdorfer Platzes mit der Inschrift: „Sigurd Jacobsen, der Retter Wiener Kinder.“ Im 19. Wiener Gemeindebezirk, an der Billrothstrasse, gibt es eine große Wohnsiedlung der Gemeinde Wien, die im Jahre 1962 als „Kopenhagen Hof“ benannt wurde. Auch eine Dänenstrasse gibt es im 18. Be - zirk. Die se Benennungen wurden von der Gemeinde Wien als Dank und Erinnerung an Dänemark für die großartige Kinderhilfe durchgeführt. Besonderes Anniversarium begangen Der langjährige und engagierte Präsident der Österreichisch Dänischen Gesellschaft- PaN (ÖDG), selbst ein „Wiener Kind“, und sein Vor stand nahmen sich dieses Anniversariums an und dankten auf vielfältige Weise für die Hil fe Dänemarks, speziell auch den beiden dänischen Proponenten, den Brüdern Jacobson. Auf den Tag genau fand am 16. September 2019 im Wiener Stephansdom ein feierlicher ökumenischer Dankgottesdienst im Ge - denken an „100 Jahre Wiener Kinder“ sowie Fotos: Österreichisch Dänische Gesellschaft Ökumenischer Gedenkgottesdienst im Wiene Stephansdom. Im Bild oben (v.l.): Franz Haberhauer, Präsident der Österreichisch Dänischen Gesellschaft, bei seinen Grußworten; rechts im Bild Pfarrerin Seniorin Angelika Geist und Domdekan Prälat Karl Rühringer „60 Jahre Dachverband aller österreichisch ausländischen Gesellschaften-PaN“ statt. Den Dankgottesdienst feierten Domdekan Prälat Karl Rühringer und die Pfarrerin Seniorin Angelika Geist mit Zeitzeugen und zahlreichen Mitgliedern der bilateralen Freundschaftsgesellschaften-PaN sowie Vorstandsmitgliedern und FreundInnen der österreichisch dänischen Gesellschaft-PaN. Am Nachmittag wurde von der ÖDG am Grabmal von Baroness Agathe Freun von Weber (1897 – 1983, sie war dänische Konsulin in Wien und begleitete die ersten Kindertransporte nach Dänemark mit großer Fürsorge) am Wiener Zentralfriedhof im Gedenken an ihre aufopfernde Organisation »Österreich Journal« – http://www.oesterreichjournal.at zahlreicher Wiener Kindertransporte nach Dänemark ein Kranz niedergelegt. Die nächste Gedenkveranstaltung ereignete sich am gleichen Tag um 15 Uhr im Wiener Donaupark nahe der Papstwiese, wo die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel mit gleichzeitiger Pflanzung einer Dänischen Tanne im Beisein von SE des dänischen Botschafters in Österreich, René Rosager Dinesen, des Bezirksvorstehers der Donaustadt, Ernst Nevrivy, der Vorstände des Dachverbandes Partner aller Nationen-PaN mit Präsident Hermann Mückler und Generalsekretär Walter J. Gerbautz. Daran nahmen auch viele weitere Ehrengäste und FreundInnen der PaN-Familie teil.

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